Kapitel 5: Gespräch mit Krähe

Der Bau der Wölfe von Sidh Eryn war leicht zu finden; trotz der Zeit, die vergangen war, seit zuletzt hier WeuUkoo gelebt hatten, waren die stark begangenen Wege noch deutlich zu erkennen. Wenige Minuten von Fennas entfernt befand sich eine Senke: eine kreisrunde Vertiefung im Stein des Bodens, dessen entfernte Seite zu einem felsigen Hügel aufstieg. Die Senke selbst war sandig und mit dürrem, welken Gestrüpp bewachsen, etwa zwanzig Meter im Durchmesser. Zur Kliffseite hin führte eine natürliche Rampe aus der Senke, doch auch die anderen Seiten waren kein Hindernis; der Stein hier zerfiel in bequeme Stufen und Simse. Der Hügel besaß drei große, breite Absätze, wie geschaffen zum Liegen, Ausschau halten oder Sonnen. Mehrere Eingänge führten in dahinterliegende Höhlen.

Der Hügel – offenbar nur die obere Seite eines gewaltigen Steins, der aus dem Waldboden ragte – erhob sich an der höchsten Stelle zehn Meter über der Senke. Trotz einiger steiler Stufen gab es jedoch keinen Punkt, wo ein WeuUkoo herabstürzen und sich ernsthaft hätte verletzen können, dazu war der stufige Fels zu flach. Er umgab die Senke in einem Drittelkreis; ein drei Meter hoher Ausläufer ragte in den tiefergelegenen Sandkreis hinein; zur Linken krümmte sich der Stein dann fort von der Senke und verschwand allmählich im Boden.

Nicht weit vom Gipfel des Steins entfernt hatte sich ein Baum festgekrallt, eine riesige, uralte Eiche. Wie sie überlebt hatte, war den Wölfen ein Rätsel; wahrscheinlich hatte sie zu einer Zeit Wurzeln geschlagen, als der Stein von Erdboden bedeckt gewesen war, und während die Jahrhunderte die nährenden Schichten vom Fels wuschen, hatte die Eiche ihre Wurzeln weiter und weiter ausgestreckt. Mächtiges Wurzelwerk, dicker als der Körper eines WeuUkoo, wand sich den Fels herab – hatte hier und da sogar den Stein gespalten – und erreichte viele Meter tiefer erst den Boden. Die Eiche war knorrig und verwittert, gezeichnet vom ewigen Kampf um ihr Dasein. Sie hatte etwas Hartnäckiges, Störrisches an sich; der Wind in ihren Blättern sang davon, wie sie den Elementen trotzte und überlebte, wie weder Hagel noch Blitz ihr etwas anhaben konnten, wie sie aus jedem Winter in neuer Frische hervorging.

Desoto betrachtete die Eiche nachdenklich. Die WeuUkoo waren wie dieser Baum; der Winter der Verlorenheit endete mit der Rückkehr der Wölfe nach Sidh Eryn, und ihr Rudel würde wieder erblühen.

Die Ahneneiche, nannte Tharsirion sie, aber Desoto wußte nicht, ob das nur sein Name für den Baum war, oder ob er durch eine Überlieferung davon gehört hatte. Sie vergaß zu fragen; der Name war passend, und nach wenigen Tagen war die Ahneneiche ein so selbstverständlicher Teil ihrer Umgebung, daß er schon immer dagewesen, schon immer diesen Namen getragen haben konnte. Desoto liebte es, in den breiten Ästen zu klettern und über dem Großen Bau zu thronen, während Tharsirion sich in der Senke nützlich machte und dort das karge Gestrüpp ausriß, bis nur noch weißer Sand zurückblieb.

Einen Kilometer entfernt fanden sie eine Begräbnisstätte. Markierungen waren in die Bäume eingeritzt, einfache Krallenrisse, die in der Zeit langsam von Rinde überwuchert wurden. Es roch nach alten Knochen. Aber junge Bäume säumten den Platz, und sorgfältig bereitgestellte Steine kennzeichneten den Ruheplatz jedes WeuUkoo.

Es gab Dutzende solcher Steine, und noch mehr Markierungen. Desoto fand in der Rinde umgestürzter, von der Zeit gefällter Bäume Hunderte von Zeichen; und wer vermochte zu sagen, welche Erinnerungen bereits unter Moos und Flechten verschwunden waren, für immer eins geworden mit dem Wald?

Sie begruben den Wächter dort – schafften seine Knochen Stück für Stück vom Ausguck nach oben. Seine Pflichten waren erfüllt; unter den anderen WeuUkoo sollte er seine Ruhe finden.

Tharsirion ritzte eine neue Markierung in einen Baum und rollte einen passenden Stein herbei.

Desoto musterte die Begräbnisstätte. Jahrhunderte und Jahrtausende waren vorbeigezogen. Wie viele WeuUkoo lagen hier; wie viele Wölfe hatte der Große Bau gesehen? Der Legende nach war dies der Ort des Ursprungs für alle WeuUkoo, doch das Zeitalter der Legenden lag im Grau der Äonen verborgen. Selbst in Generationen gerechnet reichte Desotos Vorstellungskraft nicht aus, um so weit zurückzudenken.

Das Leben eines WeuUkoo ist nur ein Wimpernschlag in der Zeit der Berge.

Ihre eigene Zeit, ihr eigenes Leben, war nur ein einziger Moment, eine einzige Generation unter den vielen, die hier gekommen und gegangen waren. Hundert Sommer und Winter nach diesem Tag würde sich vermutlich niemand mehr auch nur an ihren Namen erinnern. Und doch lag es an ihr, das Rudel neu aufzubauen und Sidh Eryn für die WeuUkoo in Besitz zu nehmen. Desoto fragte sich, wie sie diese Aufgabe meistern sollte.

* * *

Sie besetzten den Großen Bau, wählten sich in den weiträumigen Höhlen unter dem Fels ihre Schlafplätze, und markierten die Umgebung: die Wiesen und den dichten Wald, und die größten Pfade, die zum Bau führten. Es gab keine Spur von wölfischen Rivalen oder anderen größeren Raubtieren, aber das Ritual machte den Bau erst wahrhaft zur Heimat.

Der Bau bot zwanzig, vielleicht dreißig Wölfen Platz. Einige der Höhlen lagen tatsächlich tiefer als die Senke; dennoch waren sie trocken, der Stein war in dieser Tiefe voller Spalten und Risse, durch die das Wasser abfließen konnte. Zunächst war Avias besorgt, daß Regen von oben durch ähnliche Risse sickern würde, doch das war nicht der Fall. Mit Ausnahme eines Baus, dessen Wandung durch die Wurzeln der Ahneneiche beschädigt waren, blieben die Höhlen trocken. Solange der Sommer dauerte, bot sogar das Blattwerk der Ahneneiche Schutz vor leichtem Regen, und der Stein unter ihren Ästen stellte einen trockenen Liegeplatz dar, von dem aus man dem Rauschen des Wassers und dem Knistern und Murmeln des Waldes lauschen konnte.

Die WeuUkoo jagten nur selten in Sidh Eryn. Um ihr Wild zu stellen, begaben sie sich hinab nach Eru, mitunter für zwei oder drei Tage. Mit den verstreichenden Wochen erkundeten sie auch die Umgebung, von den Klippen bis hin zum Rand des Canyons, und spürten den Tieren nach, die sich dort regelmäßig aufhielten.

Tharsirion setzte seine Lektionen für Desoto in der Sprache der Wiesel fort. Es erwies sich als schwierig, Wiesel für praktische Versuche aufzutreiben – einem einzelnen Wolf mochten sie sich noch nähern, wenn dieser lange genug still saß. Aber zwei Wölfe, das sah für die kleinen Räuber zu sehr nach einem Hinterhalt aus. Obgleich Tharsirion sie immer wieder in ihrer Sprache anredete, hielten sie gebührend Abstand, wechselten bestenfalls ein paar Worte, und verschwanden beizeiten unter grobem Geschimpfe, wenn Desoto eine falsche Bewegung machte.

Mittels großzügiger Gaben aus saftigem Kaninchenfleisch gelang es den WeuUkoo schließlich, einige Wiesel zu überzeugen, daß ein Gespräch hin und wieder zu ihrem Vorteil sein konnte. Ihr Schimpfen und ihre Lästerei legten sie jedoch nie ab, und wenn sie in kleinen Gruppen zu dritt oder viert waren, bedachten sie die Wölfe mit ausgesuchten Beleidigungen.

Desoto brauchte Wochen, sich an die Art der Wiesel zu gewöhnen. Ihre Grobheit und ihr hektisches Gebaren waren für sie schwer zu ertragen, und mitunter mußte sie sich ein heftiges Knurren verbeißen. Doch allmählich verstand sie, weshalb Tharsirion die Wieselsprache für eine gute erste Wahl hielt – gerade weil die Wiesel Desoto so unähnlich waren –, und als der Herbst mit seinem Farbenspiel hereinbrach, kannte sie genug deftige Begriffe, um den Wieseln zu deren großer Freude Konter zu geben.

Und so verlor sich der Sommer und machte dem Herbst Platz; in Eru paarten sich lautstark die Hirsche; Blätter wurden zu rotem Gold; Pilze gediehen in der feuchten Erde. Avias lehrte Desoto die Besonderheiten der Kräuter und Moose, und Tharsirion verriet ihr einiges über die Philosophie der Schamanen.

Und auch der Herbst ging vorüber: kalte Winde stürmten aus den Bergen und brachten tagelangen Regen; Waldboden verwandelte sich in Schlamm und machte das Vorankommen beschwerlich. Die WeuUkoo jagten und fraßen mehr, um sich den Winterspeck zuzulegen, die Wiesel verkrochen sich mißmutig in den Büschen, die Kaninchen saßen zitternd im Gras, als habe der Kälteeinbruch sie überrascht.

Der erste Schnee fiel früher als in Desotos alter Heimat. Der Weg hinab nach Eru wurde unsicher und beschwerlich, und am Fuß der Klippen türmte der Wind hohe Schneewehen auf. Der Große Bau in Sidh Eryn wurde vom Wald geschützt, doch wenn der Wind aus der Richtung der Berge heranpfiff, wollte sich Desoto nur noch in der tiefsten Höhle verkriechen. Ihr Winterfell war dicker und wolliger gewachsen als in den Jahren zuvor, so daß die Kälte erträglich war, aber peitschender Wind, der winzige Eiskristalle um Desotos Schnauze blies, machte manche Tage zu einer mißmutig ertragenen Angelegenheit. Dazu kam, daß sie aufgrund des Wetters und der mageren Beute allzuoft hungrig blieben.

An den guten Tagen lief Desoto gerne durch den Schnee: weiße Pracht, ausgebreitet über Wald und Grasland, die unter ihren Ballen knirschte. Die Sonne strahlte vom Himmel und wärmte sie, und von den Wächterhügeln aus lag Eru streng und karg unter ihr.

Der Winter war weit fortgeschritten, als die Unruhe Desoto erfaßte; nicht mehr als ein Wispern zunächst, das sie beiseiteschob, dann ein Kribbeln in ihrem ganzen Körper, bis sie es nicht länger ignorieren konnte. Zwei, drei Tage lang zog sie Kreise um den Großen Bau, aber schließlich entschied sie sich, nach Eru hinabzusteigen. Tharsirion würde sich vermutlich wundern, aber Desoto hatte noch keine Antworten auf ihre Fragen gefunden – war noch nicht mit ganzem Herzen in Sidh Eryn angekommen.

Sie wurde läufig, und das bedeutete Welpen, und das bedeutete, daß sie sich keine Zweifel leisten konnte.

Während sie den steilen Pfad hinabstieg, fragte sie sich, ob sie es sich erlauben konnte, Tharsirion zu vertrösten und ein weiteres Jahr zu warten. Das Rudel brauchte Nachwuchs; drei Wölfe waren nicht genug, um ihr Überleben dauerhaft zu sichern. Und was Sidh Eryn nicht der ideale Platz für Welpen? Dennoch, dennoch. Sie konnte es sich nicht vorstellen, noch nicht, hier Welpen großzuziehen. Andere Wölfinnen hätten sich sofort und ohne Zögern dafür entschieden, aber Desoto war nicht bereit.

Eru lag unter Schnee begraben, weit mehr als oben in Sidh Eryn, und das Vorankommen auf freiem Gelände war mühsam. Jagen war nur unter den Bäumen möglich, und selbst dort bildeten Schneewehen und herabgebrochene Äste neue Hindernisse. Einige alte Bäume waren in den Herbststürmen umgestürzt; ihre von pappigem Schneebedeckten Kronen formten kleine ausgehöhlte Hügel, unter denen Desoto bei Nacht Schutz suchen konnte. Weiter im Norden, entlang des Canyons, gab es auch noch Wild, doch in Schnee und Eis waren Rehe schwer zu greifen, und die Deckung war spärlich.

Am dritten Tag ihrer einsamen Wanderung fand Desoto ein totes Reh, das ausgezehrt und vom Winter geschlagen war; eine gute Mahlzeit für eine Weile. Sie ließ sich neben dem frischen Kadaver nieder und begann, die Bauchseite aufzutrennen. Das Reh lag noch nicht allzu lange hier, doch alle Wärme war aus dem Fleisch gewichen. Desoto fraß ausnahmsweise langsam und bedächtig.

Eine Krähe segelte vom Himmel und landete im Schnee. Der kleine Körper war so leicht, daß er im Harsch nicht einsackte.

Desoto musterte die Krähe. Sie kam ihr bekannt vor. Nicht daß sie wirklich eine Krähe von der anderen unterscheiden konnte, nicht einmal vom Geruch her, aber dieser Vogel hatte etwas an sich, das ihn aus der Schar anderer Krähen hervorhob.

Die Krähe plusterte sich auf, schüttelte die Schwingen und das Hinterteil, und richtete den Blick unverwandt auf Desoto. "Darf ich?"

Desoto hatte sich in den vergangenen Monaten oft gefragt, ob sie sich die Begegnung mit der Krähe kurz vor der Entdeckung von Sidh Eryn nur eingebildet hatte. Kein anderer Vogel, Krähe oder nicht, hatte je wieder zu ihr gesprochen, schon gar nicht in der Sprache der WeuUkoo. War dies dieselbe Krähe?

"Bitte sehr", erwiderte sie verwundert. "Kennen wir uns?"

"Wir sind uns begegnet", sagte die Krähe und hackte am Auge des Rehs herum.

"Du sprichst unsere Sprache."

"Ich spreche viele Sprachen. Ich bin begabt." Der Vogel legte den Kopf schräg.

Desoto überlegte, ob das eine selbstgefällige oder humorige Antwort sein sollte; dem starren Schnabel der Krähe war keine Regung zu entnehmen. "Es gibt schon lange keine WeuUkoo mehr in Eru. Wer hat dir die Sprache beigebracht?"

"Andere. Vor langer Zeit. Ich bin alt." Die Krähe hatte das Auge verschluckt und pickte an der leeren Höhle herum, um Fetzen faserigen Gewebes freizulegen. "Du bist läufig. Solltest du nicht bei deinem Rudel sein?"

Die Wölfin schreckte auf. "Woher..."

Mit einem Nicken deutete die Krähe auf Desotos Spuren. "Blut. Du tropfst."

Desoto folgte ihrem Blick. In der Tat, sie hatte deutliche rote Flecken im Schnee hinterlassen. Ohne nachzudenken, rollte sie sich zusammen und begann, sich sauberzulecken. Spuren waren verräterisch.

"Außerdem habe ich eine feine Nase." Die Krähe streckte die Brust heraus und hob den Schnabel gen Himmel. "Immer die erste am Aas und am Ei. Dein Rüde wird enttäuscht sein."

"Tharsirion wird es verstehen." Würde er das? Sie war sich nicht sicher, ob sie selbst es verstand. "Und wenn ich zurückkehre, werden wir alles nachholen, woran es ihm jetzt fehlt."

"Rak! Oh, WeuUkoo. Ihr haltet euch nicht an eure Paarungszeit; ihr folgt nicht dem Gebot des Blutes. Ihr vergeudet eure Zeit und Energie für Liebesspiele, als hättet ihr zuviel davon. Und wenn ihr euch paaren solltet, lauft ihr voreinander davon. Andere Wölfe wissen, was sich gehört."

"Und?" knurrte Desoto. "Was kümmert's eine Krähe?"

"Diejenigen, die zuviel von sich verschwenden, verschwinden."

"Neidisch?"

"Diejenigen, die ihre Gelegenheiten nicht nutzen, stellen am Ende fest, daß die verbliebenen Gelegenheiten ihnen nichts mehr nützen."

Die Wölfin grub ihre Zähne in die Eingeweide des Rehs, um nichts erwidern zu müssen. Natürlich hatte Krähe recht, in gewisser Weise. Sie sollte nicht vor ihrer Verantwortung davonlaufen. Das Rudel brauchte Welpen. Und sie hatten bereits zwei Jahreszeiten miteinander verbracht, das Territorium etabliert, den Großen Bau besetzt.

Wenn nicht jetzt, wann dann?

"Diejenigen, die ihre Bestimmung nicht akzeptieren... kah, ich habe den Rest vergessen, aber es war etwas Übles." Die Krähe zerrte am Hals des Kadavers herum, ohne Erfolg, und hüpfte dann zu dem aufgerissenen Bauch voran, wo Desoto schon Vorarbeit geleistet hatte.

"Werden mit Bestimmtheit von der Zeit überrollt?" versuchte Desoto zu ergänzen.

"Ah. So etwas in der Art. Zeit, ja. Gestern, heute, morgen; alles bleibt gleich, alles ändert sich. An einem Tag legst du ein Ei, am nächsten brüten deine Küken schon über den eigenen."

Hatte sie nicht erst in diesem Sommer ein ähnliches Gespräch mit Tharsirion geführt? Es war, als wüßte Krähe, welche Gedanken noch immer in ihr schlummerten. Oder das Wort Zeit hatte den Vogel erst darauf gebracht. Wie lange währte das Leben einer Krähe überhaupt, daß sie davon sprechen konnte, wo doch die Legenden der WeuUkoo viele Generationen in die Vergangenheit reichten? "Was weiß ein Vogel von Zeit?" murmelte Desoto.

Die Krähe hörte auf, im geronnenen Blut herumzupicken, und wandte sich Desoto zu – indigniert, wie die Wölfin aus ihrer Haltung zu erkennen glaubte. "Wir fliegen durch den Himmel, wir rufen den Frühling herbei, wir hüten und bewahren die Zeit!" Der Vogel flatterte auf den Körper des Rehs, drehte sich, stolzierte aufgeregt und erstarrte dann plötzlich, Desotos Augen mit den seinen fixierend.

Die Wölfin erwiderte den starren Blick. "Bewahrst du die Zeit, seit die ersten WeuUkoo Sidh Eryn verlassen haben?" Sie wußte nicht, ob sie amüsiert oder verärgert sein sollte. Ihr Gegenüber hatte jedenfalls eine hohe Meinung von sich.

"Rah! Das war gestern. Das war vor einem Augenblick. Rewan, Rohan, Radaimak, die ersten, die ersten von euch, und sie wanderten im Schatten der Krähen!"

Desoto zuckte unwillkürlich eine Schnauzenlänge zurück und legte die Ohren an. Die Krähe kannte wirklich die Namen der Ahnen? "Woher..."

"Heh! Gestern! Gestern! So stolz seid ihr, daß ihr euch erinnert, so stolz auf die Gesänge an den Mond und auf die Erzählungen, die euch berichten, was sich vor tausend Generationen zugetragen hat." In den Knopfaugen der Krähe, tief drinnen, schien ein Feuer entfacht worden zu sein, das zu mächtig für den kleinen gefiederten Körper war. "Eru, Eru war einst ein Berg, der in Flammen aufging, der explodierte und seinen Stein und seinen Rauch über die halbe Welt spie. Und die Krähen flogen über die Asche, vor fünfhundert mal tausend Generationen. Wasser füllte das Tal, voller Fische und Echsen, bis die Wälle im Osten brachen und der Sirion seine Schlucht in den Stein grub. Und auch das war gestern." Die Stimme des Vogels sank zu einem heiseren Flüstern. "Willst du wissen, was vorgestern war?"

Plötzlich war Desoto sich nicht mehr so sicher, was die Krähe anging. Sie schien zuviel zu wissen; mehr, als ein Vogel wissen sollte, und sie sprach über die Vergangenheit, als sei sie selbst dabeigewesen. Geschichten, natürlich, auch die Krähen hatten ihre Legenden, und doch... Ein kalter Schauer lief über Desotos Körper, und es war nicht der Schnee. Unwillkürlich zog sie den Schwanz zwischen die Beine. Nein. Nein, ich will es nicht wissen. Aber sie sagte nichts, und die Krähe hüpfte triumphierend auf und ab.

"Vorgestern beherrschten die Vögel die Welt."

Die Behauptung war absurd; Vögel waren Beute, die wenigsten von ihnen groß genug, um einem Wolf ernsthafte Wunden zuzufügen. Ein Adler mochte einen Welpen davontragen, aber die Welt – die Welt beherrschen?

"Manche gingen auf vier Beinen, und manche auf zweien, und manche flatterten bereits durch die Luft. Manche hatten noch ein Schuppenkleid, und manche Federn. Manche fraßen Blätter und wurden groß genug, um die Erde mit ihren Schritten erzittern zu lassen, und andere waren so klein, daß sie unter einem Ast Zuflucht suchen konnten. Und die, die einmal WeuUkoo werden sollten, und Menschen, und Hirsche, und alles, was seine Jungen säugt, waren kleine Dinger, die zwischen den Beinen der Herrscher hin- und herwuselten und in Löchern in der Erde wohnten. – Nun, daran hat sich ja wenig geändert, was euch angeht."

Die Krähe mußte von einem Fiebertraum sprechen. Aber Desoto spürte eine größere Wahrheit hinter diesen Worten, auch wenn sie sich keine gigantischen geschuppten Rabenvögel vorstellen konnte, die den Wald auf vier Beinen durchstreiften. "Wann soll das gewesen sein?"

Die Krähe gab einen Laut von sich, der ein Kichern sein mochte. "Vor dreißig mal tausend mal tausend Generationen. Bevor die Welt verbrannte. Als diese Berge hier noch nicht vom Grund des Meeres aufgestiegen waren."

Desoto wurde schwindelig. Tausend Generationen der Geschichte der WeuUkoo überstiegen bereits ihr Verständnis von Zeit, und was die Krähe behauptete... in diesen Zeitspannen spielte nicht nur das Leben eines Wolfes keine Rolle mehr, sondern das Leben ganzer Rudel, ganzer Stämme... vielleicht sogar aller Wölfe.

Sie überspielte ihre Unsicherheit scherzhaft. "Wenn diese Berge hier Meer waren, könnte man sich vielleicht einen Fisch darin fangen." Sie hatte das Meer nie selbst gesehen, kannte es nur aus Erzählungen.

"Du glaubst nicht an die Weisheit der Krähen?" murrte der Vogel.

"Du sprichst in großen Worten, aber am Ende bleiben Geschichten nur Geschichten. Riesige Vögel und winzige Hirsche? Warum erzählst du mir nicht gleich vom Anbeginn der Welt, als der erste Wolf den Mond um die Sonne jagte? Und das Meer und die Berge... sag mir, wann stand das Wasser so hoch, daß es all das Land überflutet hat? Deine Legenden ergeben keinen Sinn."

Krähe flatterte mit den Schwingen, flog aber nicht davon; stattdessen sagte sie: "Am Anbeginn gab es keine Vögel, und ganz sicher keine Wölfe. Kein Gedächtnis reicht so lange zurück, nicht einmal das der Krähen. Aber was die Berge angeht... selbst Berge werden geboren und müssen wachsen. Das Innerste der Welt ist lebendes Feuer, und dieses Feuer ist die Nahrung der Berge. So wachsen sie, aus dem Innersten, und sterben und verfallen in der Höhe. Die ganze Welt zuckt und bewegt sich und wächst und wird wieder zerstört, doch eure kleinen Leben sind so rasch vorüber, daß ihr es nicht einmal bemerkt. Nicht das Wasser stand hoch, der Berg war nur sehr klein, so klein, daß er auf dem Meeresgrund Platz hatte."

Desoto rümpfte die Schnauze. "Das ist eine schöne Geschichte. Ich werde sie meinen Welpen erzählen."

"Du glaubst mir nicht."

Das Gefühl in Desotos Magengrube sagte doch, ich glaube dir, aber ihr Verstand säte Zweifel, und ihr Stolz gebot ihr zu sagen: "Es sind Legenden, nicht anders als unsere."

"Rah! Oh!" Krähe schlug mit den Flügeln und hob sich in die Luft. "Folge mir, folge mir!"

Widerwillig ließ Desoto das Reh zurück – für den Moment war sie gesättigt, und sie konnte später wiederkommen und den Rest fressen, aber ein anderes Raubtier mochte den Fund verschleppen. Krähe legte ein beträchtliches Tempo vor, und nach kurzer Zeit mußte die Wölfin im Schnee galoppieren, um ihr überhaupt folgen zu können.

Das Rennen war anstrengender als im Sommer; selbst dort, wo der Wind den Schnee weitgehend abgetragen hatte, spürte Desoto den gefrorenen Boden in den Läufen. Wie einfach es doch war, durch die Luft zu segeln, weit über allen Hindernissen, getragen von einer Brise, nur die Sonne über den Flügeln! Die Wölfin keuchte und sprang über einen Bach. Wenn all die Mühe umsonst war und Krähe nichts Besseres zu bieten hatte als ihre Geschichte, sollte sie nur nicht wieder um ein Stück der Beute bitten! Desoto hatte ohnehin das Gefühl, als flöge Krähe nur deshalb so schnell, um ihr eine Lektion zu erteilen.

Dann standen sie vor den Klippen von Sidh Eryn, viele Kilometer östlich von Fennas. Hier zog sich weißer Stein durch grauen, in langen schrägen Bändern; viel davon war verwittert, und mächtige, kantige Blöcke waren aus der Wand gebrochen, gestürzt und hatten sich in den Boden gebohrt; ganze Felsadern, ein Dutzend Meter hoch, hatten den Halt verloren und sackten im Laufe der Jahre allmählich ab, hinterließen Risse und Spalten und Tausende geborstener Steine, manche nur kopfgroß, andere drei, vier Meter im Durchmesser. Schutt bedeckte den Erdboden.

Krähe ließ sich auf einem mittelgroßen Stein nieder, knapp über Desotos Kopfhöhe – natürlich! –, und deutete auf die gesplitterten Überreste der Felswand. "Was siehst du?"

"Steine", erwiderte Desoto ungehalten. Sie kannte diesen Ort; im Laufe ihrer Erkundungen war sie hier ein Dutzend Male vorbeigezogen. Er bot ein paar gute Verstecke für einen Hinterhalt, aber ansonsten gab es nichts, was der Erwähnung wert gewesen wäre.

"Schau genau hin. Was siehst du im Stein?"

"Stein ist nicht durchsichtig", seufzte Desoto. "Man kann nicht hineinsehen."

"Arr! Dort, wo der Stein gebrochen ist!"

Die Wölfin blickte auf verschiedene Felsbrocken; rauhe Bruchstellen offenbarten – nichts. Was immer Krähe ihr beweisen wollte: sie sah es nicht. Krähes Schnabel folgte Desotos Suche geduldig, ein gelegentliches "Keck!" ermunterte sie, weiterzuschauen.

Dann fand sie etwas Seltsames. Im Bruch des Steins waren Rillen zu sehen, die an ein Fischgrätenmuster erinnerten, und wenn man genau hinsah, offenbarten sich Kopf und Schwanz eines kleinen Fisches. Die Schwanzflosse war zur Hälfte abgebrochen, aber die Formen waren eindeutig. Desoto schnüffelte daran, aber es war nicht frisch – wie sollte es auch, es war im Stein, es war ein Teil des Steins!

Die maratornai konnten Dinge in Stein meißeln. Krähe konnte es nicht. Der Fisch war echt. Woher auch immer dieses Tier kam, es war auf mysteriöse Weise zu einem Felsbrocken geworden.

Krähe keckerte zufrieden und flog zu Desoto herüber, setzte sich frech auf ihren Kopf. Der Vogel war leichter, als die Wölfin erwartet hatte.

"Vielleicht stammt der Fisch aus einem Fluß", behauptete Desoto.

Krähe wies mit dem Schnabel, der von oben in Desotos Gesichtsfeld ragte, auf andere Stellen. Die Wölfin inspizierte sie und fand halbrunde, abgeflachte Schalen, ebenso im Stein eingeschlossen wie der Fisch. Muscheln und Krebse? Wenn dem so war, wirkten sie nicht wie die Flußmuscheln, die Desoto vertraut waren.

Und wie war der Stein um sie herum gewachsen?

Je länger Desoto hinsah, um so mehr dieser Einschlüsse konnte sie entdecken. Manche waren nur partiell, andere vollständig; an einer Stelle schien ein ganzer Schwarm kleiner Fische verewigt worden zu sein, und eine Wolfslänge höher war eine Krebsschere zu erkennen, so lang wie ein WeuUkoo-Bein.

Die Formationen zogen sich weiter in die Höhe, und Desotos Blick streifte über sie, wurde nach oben geleitet, bis ihre Sehschärfe nicht mehr ausreichte, um die feinen Strukturen identifizieren zu können.

Das Meer.

Dies hier war einst ein Teil des Meeres – nein, der Grund des Meeres gewesen, bedeckt von Muscheln und toten Fischen, wie Krähe es behauptet hatte.

Und jenseits der Kliffkante die hohen Gipfel, waren auch sie Teil dieser Formation, Teil des... Lebens der Berge? Geboren im Meer und gewachsen in schwindelerregende Höhen, wo Sturm und Eis an ihnen nagten?

Für einen Moment glaubte Desoto, durch Krähes Augen sehen zu können: auf eine Welt, die sich stets wandelte und erneuerte, auf Felsen, die nicht beständig und ewig waren, sondern in kontinuierlichem Aufruhr, auf Zeiten, die so lang bemessen waren, daß alles Leben – selbst mächtige Wälder – nur ein huschender Schatten auf der Oberfläche der Erde wurde. Berge, die aus dem Meer brachen wie Welpenzähne, Landschaften, die vom Feuer der inneren Erde verwüstet wurden.

Desoto schnappte nach Luft und setzte sich platt auf ihr Hinterteil. Dies war nicht ihre Welt, so wie Avias sie ihr gezeigt hatte! In ihrer Welt waren Berge beständig und Bäume langlebig, und WeuUkoo hatten viele Jahre des Lernens und Wanderns und Spielens vor sich.

Das Leben eines WeuUkoo...

Der Friedhof der Wölfe nahe dem Großen Bau hatte sie an die Vergänglichkeit erinnert, an die Generationen, die vor ihr gekommen waren und nach ihr noch kommen würden. Doch dies hier war ungleich größer, mächtiger selbst als maratornai, mächtiger als das Eisen.

"Das ist Zeit", sagte Krähe auf ihrem Kopf und hüpfte flatternd herab.

Desoto schüttelte sich und wandte der Felswand den Rücken zu. Schweigend starrte sie auf die schneebedeckte Ebene.

Schließlich gab sie sich einen Ruck. "Ihr Krähen scheint viel zu wissen."

"Heh! Natürlich, natürlich! Wir sind von edler Abstammung und haben ein langes Gedächtnis!"

"Darf ich etwas fragen?"

Krähe plusterte sich stolz auf. "Selbstverständlich. Ich habe an deinem Aas gespeist, das ist eine Antwort wert."

"Haben Rehe und Kaninchen und... hat Beute eine Sprache?" Tharsirion hatte darauf keine Antwort gewußt. Und möglicherweise war es eine Frage, die nicht gestellt werden sollte.

"Alles hat eine Sprache", belehrte sie Krähe. "Auf die eine oder andere Weise jedenfalls."

"Eine Sprache, die ich lernen könnte?"

"Ein Wolf, der die Sprache seiner Beute lernt? Kah, das wäre doch mal etwas Neues. Hast du ein Kaninchen gefunden, das lange genug stehenbleibt, um sich mit dirzu unterhalten?"

Desoto knurrte. "Ich will die Sprache nicht lernen, ich will nur wissen, ob es möglich wäre."

Krähe keckerte belustigt. "Rehe, Hirsche, ja. Kaninchen, Hasen, ja. Obwohl Kaninchen ungern mit mir reden; liegt vielleicht daran, daß ich die Augen junger Karnickel so ungemein köstlich finde."

Die Wölfin starrte sie nur an. Eine Sprache? Sie hatten wirklich eine Sprache? Das war genau die Antwort, die sie befürchtet hatte.

"Echsen, Frösche, Libellen, nein, deren Sprache könntest du nicht lernen. Selbst wir Vögel vermögen nicht mit Insekten zu kommunizieren, und wir sind begabter als ihr", schwadronierte Krähe weiter. "Das wäre auch zu einfach, wenn man die Milben in seinen Federn – oder die Flöhe in seinem Fell – einfach bitten könnte, zu verschwinden. Heh! Fische, Schlangen, nein. Mäuse... ja, aber erwarte von Mäusen und Ratten keine hochtrabenden Gedanken. Sie sind etwas einfach gestrickt."

Mäuse? Mäuse? Desoto ließ den Kopf hängen. Alles, was gut schmeckte, hatte eine Sprache?

Krähe stieß ihr Vorderbein mit dem Schnabel an. "Kah! Warum siehst du drein, als hättest du eine Gräte im Hals?"

"Wie soll ich Rehe jagen, wenn sie reden können?" stieß Desoto hervor. "Wie kann ich Schafe reißen und töten, wenn ich ebensogut mit ihnen sprechen könnte?"

"Oh. Nun, das ist ein Dilemma." Es sah nicht so aus, als legte Krähe viel Wert auf Dilemmas. "Wenn die Mahlzeit unverhofft das Wort an einen richtet, verdirbt das leicht den Appetit."

"Spotte nicht!"

Krähe legte den Kopf schräg, bis ein Auge fast zum Himmel wies. "Es ist deine Natur, nicht deine Entscheidung. Wölfe leben nicht von Rüben."

Etwas Ähnliches hatte Avias auch gesagt. Aber zu vermuten, daß ein Kaninchen sprechen konnte, oder mit dem Wissen darum zu leben, waren zwei verschiedene Dinge. Desoto mußte dem Instinkt folgen, der ihr sagte, was eßbar war und was nicht – aber was unterschied sie dann von den maratornai? Hatten die Menschen wirklich eine Wahl in dem, was sie taten, wie sie es vor wenigen Monaten noch geglaubt hatte? Oder waren die Instinkte, die Triebe der maratornai nur komplexer und weniger durchschaubar als ihre eigenen?

Was würde geschehen, wenn ein Wolf die Sprache der Hasen lernte?

Was würde geschehen, wenn ein Wolf versuchte, mit Menschen zu sprechen?

Jede Frage, die Desoto stellte, führte nicht nur zu Erkenntnissen, sondern auch zu weiteren Fragen. Jede Antwort, die sie erhielt, schien ihr Universum zu verändern. Wenn Zweifel sie schüttelten, welchem Pfad konnte sie dann noch folgen?

"Macht es einen Unterschied?" Krähes Frage riß sie aus den Gedanken.

"Was?"

"Macht es einen Unterschied, ob ein Reh eine Sprache hat oder nicht?"

"Natürlich! Wenn ich mit dem Reh sprechen kann, ist es wie ich... es ist eine... eine Person... und wenn ich es töte, lösche ich ein echtes Leben aus!"

"Ein Reh ohne Sprache hat kein echtes Leben?"

"Natürlich nicht!"

"Ein Reh ohne Sprache verspürt keine Furcht, wenn du es jagst? Keinen Schmerz, wenn sich deine Zähne in sein Fleisch bohren? Keine Todesangst, wenn es seinen letzten Atemzug tut?"

"Es ist Beute, es ist ein Tier..."

"So wie ein Wolf es für die Menschen ist, die seine Sprache nicht kennen?"

Desoto winselte tief in der Kehle. Krähe kannte ihre Gedanken nur zu genau.

"Selbst wenn du die Sprache deiner Beute kennst, mußt du weiterhin dem Pfad der Wölfe folgen", sagte der Vogel. "Nur die Zeit kann deine Natur ändern, und sie wird es nicht in einer Generation tun, oder in hundert, oder tausend. Und falls sie es tut, dann vielleicht nicht so, wie du es erhoffst oder erwartest."

Desoto blickte nach oben zu den Felsen, in denen Kreaturen eingebettet waren, die vor tausendmal tausend Generationen gelebt hatten. Natur hatte sie geschaffen, die Zeit hatte sie wieder verschlungen. Jedes der kleinen Wesen war nur ein winziger Teil der endlosen Kette des Lebens, die sich durch die Äonen zog, des großartigen und furchtbaren Tanzes, in dem selbst die Berge sich bewegten.

Sie hatten keine Wahl darin. Sie mußten den Schritten in diesem Tanz folgen, gemäß ihres ureigensten Wesens. Ihre einzige Freiheit lag darin, daß sie entscheiden konnten, wie sie tanzten.

Die Tradition der WeuUkoo verrieten es ihr. Avias hatte es sie gelehrt. Tharsirion führte sie durch die Mysterien.

Lebe in Freiheit. Beschütze die Alten und lehre die Welpen. Achte die Beute. Fühle den Wald, und sei dir allen Lebens bewußt. Folge dem fernsten Stern, und trage das Rudel im Herzen, wohin deine Pfoten dich auch führen.

Ich bin WeuUkoo. Das war, wozu sie ihre Natur machte, aber es war auch mehr als das: es war ihre Wahl und ihr Weg. WeuUkoo zu sein bedeutete nicht nur, als Wolf zu leben: es hieß, zu sehen und zu suchen.

"Respekt", sagte Desoto.

"Ar?"

"Ich muß die Beute töten, wenn es meine Natur verlangt, aber ich kann ihr Respekt erweisen. Ich jage nicht aus Vergnügen oder aus Blutdurst. Ich töte schnell und ohne Zorn. Ich nehme nur, was ich brauche, und danke denen, die mich nähren."

Krähe spreizte die Schwanzfedern und beugte sich nickend vor. "Das wird ein Reh oder ein Kaninchen sicher trostreich finden, wenn es in deinem Magen landet."

Der Vogel mochte spotten, aber zum ersten Mal seit Monaten hatte Desoto das Gefühl, auf dem richtigen Pfad zu wandeln. "Ich zumindest finde es trostreich." Sie erhob sich und trabte davon. Krähe flog auf, umkreiste sie einmal und gewann dann rasch an Höhe.

"Warte", rief Desoto ihr nach. "Wie heißt du?" Sie war sich sicher, daß sie sich noch mehr als einmal begegnen würden.

"Kah! Manche nennen mich Ajali!" rief Krähe von oben und segelte gemächlich ostwärts.

Desoto schlug einen anderen Weg ein. Sie war WeuUkoo. Sie hatte eine Aufgabe.


To be continued...